Geschundene Gefährten: Buchbesprechung

Was ist aus unseren Rassehunden geworden? Nichts Gutes, sie sind überzüchtet und krank. Es geht so nicht weiter. Der Tierpathologe Achim Gruber weiß, wie es stattdessen weitergehen kann
geschundene Gefährten von Achim Gruber
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13 Minuten
Astrid Kurbjuweit
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„Wir züchten unsere Lieblinge zu Tode.“ Das meint jedenfalls Prof.Dr. Achim Gruber, Tierpathologe und Autor des Buches Geschundene Gefährten: Über Irrwege in der Rassezucht und unsere Verantwortung für Hund und Katze*.
Das Buch erscheint am 2. Oktober 2023 bei Droemer. Die Druckfahnen wurden mir vorab vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Achim Gruber bekommt als Tierpathologe einiges zu sehen, was wir ansonsten nur ahnen, nicht aber wissen können.

In seinem Beruf geht er der Frage nach, warum ein Tier, ein Hund oder eine Katze, gestorben ist. Und allzu oft findet er Gründe, die nicht wirklich als Schicksal angesehen werden können.

Junge Hunde sterben an Krankheiten, die in ihren Erbanlagen schon fest angelegt sind. Sie erleiden Unfälle, die sich aus unnatürlichen Körperformen und -größen ergeben, manche sind nicht mehr in der Lage, ihre Welpen auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen.

Und weil die Fälle sich häufen und dann auch noch einem Muster folgen, glaubt er nicht an einen Zufall. Er hat den Schuldigen ausgemacht, es ist der Mensch.

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Geschundene Gefährten: Über Irrwege in der Rassezucht und unsere Verantwortung für Hund und Katze | Deutschlands bekanntester Tierpathologe über Tierethik und Tierwohl
Geschundene Gefährten: Über Irrwege in der Rassezucht und unsere Verantwortung für Hund und Katze | Deutschlands bekanntester Tierpathologe über Tierethik und Tierwohl*
von Gruber, Prof. Dr. Achim
  • Geschundene Gefährten: Über Irrwege in der Rassezucht und unsere Verantwortung für Hund und Katze Deutschlands bekanntester Tierpathologe über Tierethik und Tierwohl
  • Produktart: ABIS BOOK
  • Marke: Droemer HC"
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Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten
Zuletzt aktualisiert am 15. April 2024 um 07:00 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.

Im Buch geht es um die Frage, was genau der Mensch falsch gemacht hat und immer noch falsch macht, welche dramatischen Folgen das für unsere Hunde und Katzen hat und was wir noch tun können, um unsere tierischen Gefährten zu retten.

Denn wenn wir nichts tun, dann sind viele unserer Hunde und Katzen verloren. Davon ist Achim Gruber überzeugt. Wir haben schon viel zu lange nur zugeguckt, als ob das alles unabänderliches Schicksal wäre.

Am Anfang war der Hund

Als der Hund aus dem Wolf hervorging, gab es noch keine Hunderassen. Im Laufe der Zeit wurden Hunde aber vom Menschen für viele verschiedene Aufgaben verwendet.

Entsprechend wählte der Mensch aus. Er ließ diejenigen sich vermehren, die am besten für die jeweilige Aufgabe geeignet waren.

In ihrer Entstehung waren die Hunderassen also auf Fitness ausgelegt. Darauf, dass ein Hund seine Aufgabe optimal erfüllen kann. Wie der Hund aussah, war nebensächlich. Es ergab sich höchstens aus der Aufgabe, die der Hund hatte.

So hatte ein Neufundländer eine völlig andere Aufgabe als ein Dackel oder Dachshund, und entsprechend entwickelte der eine ein wasserdichtes Fell und der andere sehr kurze Beine. Aber fit waren sie beide.

Einige Hunderassen haben heute noch Namen, die auf ihre Aufgaben, ihre „Berufe“ schließen lassen.

Der Dachshund lief dem Dachs in seinen Bau hinterher. Schäferhunde bewachten die Schafe. Retriever (retrieve ist englisch für zurückholen) waren Apportierhunde, die das geschossene Wild holten.

Bei vielen Rassen sind heute nur mehr die Namen geblieben. Ihre Fähigkeiten sind verkümmert, aber ihr Aussehen ist perfektioniert. Das kostet einen hohen Preis.

Dann kamen die Hunderassen

Heute werden Hunderassen auf Aussehen gezüchtet. Die Rassebeschreibungen gehen ausführlich auf jedes Detail des Aussehens ein, andere Aspekte des Hundes sind nebensächlich.

Achim Gruber weiß, dass fast alle Hunderassen noch vor 150 Jahren vollständig gesund waren. Dass der größte Teil der Probleme, die die Hunde heute haben, erst in den letzten Jahrzehnten entstanden sind.

Die Älteren unter uns kennen also noch die gesunden, fitten Rassehunde früherer Zeiten. Die Erkenntnis, dass das heute nicht mehr so ist, ist bei vielen noch nicht angekommen.

Daher kommt es wohl, dass ein Rassehund auch als irgendwie besser als eine Promenadenmischung angesehen wird. Wer kann, legt sich einen Rassehund zu.

Für Welpen vieler Rassen werden sehr hohe Preise verlangt und gezahlt. Allerdings unter der Bedingung, dass der Hund auch wirklich hundertprozentig der Rassebeschreibung entspricht.

Dazu kommen die vielen Modehunde, die zwar auch jeweils ein ganz spezifisches Ausehen haben müssen, aber nicht wirklich der Definition einer Hunderasse entsprechen.

In jedem Fall gibt es eine große Nachfrage nach Hunden, die ganz genau einem bestimmten Aussehen entsprechen. Die Vorstellungen, wie das sein soll, wechseln mit der Mode.

Für so einige Menschen ist der Hund ein modisches Accessoire. Andere sind überzeugt, dass ein Rassehund gesünder, besser, auch in seiner Entwicklung vorhersagbarer ist.

Hundezüchter stehen also vor der Aufgabe, möglichst viele Hunde zu liefern, die genau den vorgegebenen Spezifikationen entsprechen. Die genau so aussehen, wie bestellt.

Die Zucht der Rassehunde

Die Auswahl der Hunde, die sich vermehren dürfen richtet sich also danach, wie wahrscheinlich es ist, dass die Nachkommen genau so aussehen wie bestellt.

Das ist der Vorteil der Rassehunde. Deren Nachkommen sehen meistens auch genau so aus, wie ihre Eltern.

Allerdings ist es nicht nur das Aussehen, das gleich ist.

Und das ist der Grund, warum so viele Rassehunde heute so viele Probleme haben. Der andere Grund ist, welche Ideale als Zuchtziele angestrebt werden.

Das Problem hat also zwei Seiten. Die dritte Seite ist der Kunde, der genau solche Hunde verlangt.

Was ist das Problem mit den heutigen Rassehunden?

Das eine Problem sind die Zuchtziele. Da gibt es Möpse mit viel zu kurzen Nasen, Schäferhunde mit abfallender Rückenlinie, die leider zu Arthrose führt.

Ein Mops mit sehr kurzer Schnauze. Ein geschundener Gefährte

Ein Mops mit so kurzer Nase hat zwangsläufig Atemprobleme und Probleme mit der Temperaturregulation, weil er nicht hecheln kann.
Foto: Katya Naumova/Shutterstock

Und es gibt modische, elegante Fellfarben, die leider mit Haarausfall und Hautkrankheiten einhergehen, auf Kleinheit gezüchtete Hunderassen, die anatomische „Besonderheiten“ aufweisen, die zu lebenslangen Schmerzen führen und viele andere mehr.

Viele Zuchtziele sind mit dem Tierwohl nicht oder nur sehr schwer vereinbar. Ganz nebenbei bemerkt auch nicht mit dem Tierschutzgesetz.

Aber auch bei der Verfolgung vermeintlich harmloser oder guter Zuchtziele gibt es ein Problem.

Denn die immer wieder stattfindende Auswahl, bei der nur bestimmte Tiere sich vermehren dürfen, die das jeweilige Merkmal in der optimalen Ausprägung zeigen, führt zu einer genetischen Verarmung.

Die in der Natur sonst übliche genetische Vielfalt ist in unseren Hunden nicht mehr vorhanden.

Im Vergleich zum Wolf ist der Hund hundertfach stärker mit Erbkrankheiten und genetisch bedingten Leiden belastet.

Die Hunde einer Rasse sehen nicht nur gleich aus, sie teilen auch die Veranlagung für jeweils typische Krankheiten und Beschwerden, die auf den ersten Blick nichts mit den Zuchtzielen gemeinsam haben.

Ein schon lange bestehendes Problem dieser Art ist der MDR-1 Defekt bei Collies und anderen Hunderassen. Eigentlich sollen Hunde mit diesem Gendefekt nicht zur Zucht verwendet werden. Leider geht das nicht, weil viel zu viele daran leiden.

Probleme dieser Art nehmen gerade rasant zu. Achim Gruber zählt eine lange Liste an vergleichbaren Problemen auf.

Das hat weitergehende Folgen. Denn Versuche, als falsch erkannte  Zuchtziele zu korrigieren, scheitern an zu geringer genetischer Vielfalt.

Das Buch enthält viele Beispiele von Hunderassen, die einst gesund und fit waren, die aber heute, nach vielen Jahrzehnten  Zucht auf äußerliche Merkmale, nur noch wenig mit ihren Vorfahren gemeinsam haben.

Wie konnte das alles passieren?

Achim Gruber macht in Geschundene Gefährten klar, wie die Entwicklung, die zu so verhängnisvollen Folgen geführt hat, passieren konnte.

Es war keine böse Absicht. Eher im Gegenteil. Das Buch zeichnet die Entwicklung nach, legt den Finger in die Wunde unserer Eitelkeit und zeigt dann auch Auswege auf. Es gibt noch Hoffnung. Allerdings nicht im weiter so.

Der Autor

Achim Gruber, Autor von Geschundene Gefährten: Über Irrwege in der Rassezucht und unsere Verantwortung für Hund und Katze

Achim Gruber, Autor von Geschundene Gefährten: Über Irrwege in der Rassezucht und unsere Verantwortung für Hund und Katze
Foto: ©Jenny Fürstenau

Prof. Dr. Achim Gruber, Jahrgang 1966, ist Direktor des Instituts für Tierpathologie an der Freien Universität Berlin und als einziger Tiermediziner ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Sein erstes populäres Sachbuch Das Kuscheltierdrama (Droemer 2019) wurde von den Leser*innen und der Kritik begeistert aufgenommen.

Aber Achim Gruber ist nicht nur Sachbuchautor. Er ist vor allem Wissenschaftler. Seine Ansichten sind also durch belegte Fakten untermauert.

Seine Publikationsliste zeigt, dass er weiß, wovon er redet.

Achim Gruber ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Zur Familie gehört auch ein Mischlingshund.

Überblick über das Buch – Geschundene Gefährten

Das Buch beginnt mit dem, was ein Tierpathologe so macht – gestorbene Tiere aufschneiden, um zu sehen, woran sie gestorben sind.

Geschundene Gefährten: Über Irrwege in der Rassezucht und unsere Verantwortung für Hund und KatzeDas, was Achim Gruber dort findet, ist der Grund, warum er dieses Buch geschrieben hat, und er legt den Fall anschaulich und einfühlsam dar. Es sind Betrachtungen am Obduktionstisch.

Im nächsten Kapitel geht es um die Frage, warum uns das alles nicht schon längst aufgefallen ist. Schließlich ist es eine Jahrzehnte, teils Jahrhunderte lang andauernde Entwicklung hin zum immer Schlimmeren. Es geht um Zerrbilder durch schleichende Gewöhnung und andere psychologische Fallen.

Im Kapitel Wie konnte es zu all dem kommen gibt es jede Menge Beispiele für die schleichende Veränderung, mitsamt Erklärungen für die Entwicklung der Zuchtziele und ihrer Nebenwirkungen.

Das Kapitel  Am seidenen Faden der Gene zeigt auf, was Inzucht ist und welche Auswirkungen sie hat. Auch als vollständiger Laie versteht man dieses komplexe Thema, so wie Achim Gruber es darlegt.

Als Laie denkt man sich jetzt, dass Mischlingshunde wohl die Lösung des Problems sein könnten. Sind Mischlinge gesünder? Das Buch verwendet ein ganzes Kapitel auf die Fragen und Probleme, die rund um diese Annahme auftauchen.

Jede Menge Aspekte, auf die man als Laie nicht gekommen wäre. Aber Achim Gruber präsentiert sie nicht nur, er erklärt sie so, dass man versteht. Die Frage lässt sich jedenfalls nicht einfach so mit Ja oder Nein beantworten.

Fest steht, aus der derzeitigen Situation gibt es keinen einfachen Ausweg. Weshalb auch weniger einfache Lösungen in Betracht gezogen werden müssen.

Fortschritte in der Medizintechnik – neue Perspektiven für die Gesundheit von Hunden und Katzen ist ein Kapitel, das sich mit Klonen, Genscheren und anderen Aspekten des Designs von Hunderassen und Hunde-Individuen beschäftigt.

Der Gedanke, dass es das alles bereits gibt, ist sicherlich gewöhnungsbedürftig. Aber ist es auch die Lösung für die genetische Verarmung unserer tierischen Gefährten?

Ein weiterer Denkansatz, wie man das Problem angehen könnte, wird im Kapitel Rassen neu denken behandelt. Auch hier mehr Aspekte, als man sich als Laie so denkt.

Aber eins steht offensichtlich fest: Die Hunderassen, die wir kennen, wird es in dieser Form bald nicht mehr geben.

Es gibt also Lösungsvorschläge. Man muss es nur tun. Damit, wie wir über unseren Schatten springen und es tatsächlich tun könnten, befasst sich das letzte Kapitel: Wie kann die Wende in der Haustierzucht gelingen?

In der Mitte des Buches gibt es noch ein Kapitel über Katzenkinder. Die gesundheitlichen Probleme der Katzen sind weniger gravierend, aber bei Rassekatzen zeigt sich dasselbe Problem wie bei den Hunden.

Leseempfehlung

Während das Thema des Buches ein ziemlich frustrierendes ist, gilt das für die Darstellung überhaupt nicht.

Abschnitte, die Fakten darlegen, wechseln sich mit kleinen Tiergeschichten ab, die die Sache nochmal auf unterhaltsame Weise auf den Punkt bringen.

Es wird nicht nur ein großes, für die Tiere existentielles Problem dargestellt, sondern auch Lösungswege aus diesem Problem aufgezeigt.

Nach der Lektüre versteht man das Ausmaß des Problems. Aber man braucht nicht zu verzweifeln, denn es werden auch praktikable Lösungswege aufgezeigt.

Als Hundehalter und damit ja auch Hundekäufer können wir unseren Anteil am Problem erkennen, aber auch unseren Anteil an der Lösung. Es ist schwierig, aber nicht hoffnungslos.

Unbedingte Leseempfehlung!

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Beitragsbild:Zur Verfügung gestellt von der Presseabteilung des Droemer Verlages